Dichtungen Habichers
Grundlegende Darstellung der Linien
FORM
Als reine Form, oder – je nach Perspektive – als
reine Materie
mit Farbe - nach diesem Konzept stellt Habicher seine Linien dar. Die
Form
lässt sich keinem bestimmten Stil zuordnen und führt
alle vorgefertigten
Erwartungen des Betrachters immer wieder ad absurdum. Die Materie ist
puristisch gehalten, als Rohmaterie ohne künstlerische Farbe
oder in rot
gehalten entfaltet sie ihre Wirkung im Wechselspiel mit der Umgebung.
Diese
durchgehende Einheit in der künstlerischen Anwendung bietet
uns ein Bild, das
bei uns durch die Ablehnung der Vielfältigkeit der Methoden
zur Kunst Fragen
und die Neugier hinterlässt.
BEWEGUNG
Habicher formt aus Edelstahl eine lange Linie, die in einem Raum
geschlossen bleibt oder durch den Raum hinaus in die Luft fliegt und
sich ohne
räumliche Begrenzung so frei entwickelt, als sei jegliche
Kausalität
aufgehoben, als ob sie in den Kosmos hinaus und noch weiter gehen
würde und als
ob sie nun teilweise sichtbar verzaubert wäre. Sie schlingt
sich als minimale Summe
hin und durch, aus haptischer Materie und unsichtbarer Materie
entstanden, als
ob eine auskristallisierte Ausdrucksweise im Vordergrund steht und mit
einigen
freien Schwingungen sich das Ganze vorzeigt. Solche
„Linien“ von Habicher sind
keine bloßen Linien, sondern sie entfalten geistige Kraft,
indem sie uns
einladen, ihnen ins Unwahrscheinliche zu folgen und uns dorthin
mitziehen, wo
man wahrscheinlich keine Worte mehr gebrauchen kann.
GEHALT Als Exponate in der Natur oder in einem alten Raum wirken sie
dort häufig wie ein Fremdkörper und erzeugen als
Gegenpol eine seltene Unruhe,
eine nagende Ungewissheit, und führen den Blick doch weiter
ins Unsichtbare
hinein. Die Linien verdichten sich zu Räumlichkeiten, die man
nicht als drei-
oder vierdimensional beschreiben kann; sie sind zugleich von einer
vibrierenden
Intensität, wie das Haiku eines Zenmönchs, der mit
wenigen Worten und
Pinselstrichen eine Dichtung vollendet.
22.08.2010, mihyun son
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Überlegungen
von Gian Paolo Prandstraller
Eduard
Habichers Grundidee
scheint folgende zu sein: Die gesamte Wirklichkeit ist unsicher,
gefährdet, dem
Untergang geweiht. Eine Gesamtheit von Dingen und Themen, die am Rand
des
Abgrundes stehen, die jederzeit vernichtet werden können. Die
ganze
Wirklichkeit wird von einer universellen Schwerkraft hinuntergezogen
bis zu
einem Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt.
Für jedes körperliche und
biologische Wesen besteht jedoch ein ebenfalls universelles Prinzip der
Rettung.
Damit können die Lebewesen, wenn auch nur
vorübergehend, den Absturz vermeiden.
Mit einem Eingriff nimmt der Künstler dieses wohlwollende
Prinzip auf, und
rettet das, was dem Absturz geweiht ist. Er gibt ihm in der Regel eine
schwache, geringfügige, doch genügend große
Kraft, um das Wunder zu
vollbringen.
Der den Berg hinabrollende
Stein versinnbildlicht auf anschauliche Art diesen Widerspruch. Er
rollt und
rollt, und ein Vorsprung, eine Unebenheit, eine Wurzel, ein Baum oder
sonst
etwas hält ihn auf, exakt am Rande der Schlucht. Wir nehmen
ihn in der Schwebe
wahr und denken: Bei der geringsten Erschütterung wird er von
neuem
weiterrollen. Dem Thema "Stein" hat Habicher eine nicht unbedeutende
Periode seiner Arbeit gewidmet: eine dünne Stahlklinge
hält einen solchen am
Dachrand eines Hauses zurück, ein Stab spießt ihn an
eine Wand oder an eine
Decke, er schwebt irgendwie über eine Straße,
über den Köpfen der Passanten,
auf jeden Fall immer - dank eines Kunstgriffs - seiner
natürlichen Schwere
enthoben.
Desgleichen auch ein
Baumstamm im reissenden Wildbach: Er hängt in einem
Gestrüpp, und ein Knoten,
eine Schlaufe zieht ihn aus dem Strudel ans Ufer.
Oder das beim
Aufprall
zersplitternde Glas: Es wird von einem Metallrahmen umfangen oder es
hängt
gegen alle Regeln der Physik an der Decke. Das Glas ist Sinnbild
für
Zerbrechlichkeit (im Gegensatz zum Stein). Der rettende Eingriff
schützt es vor
seinem ihm innewohnenden Risiko.
Ähnlich setzt der
Künstler
das Thema "Hilfe" und "Rettung" um. Der Unterschlupf, die
Schutzhütte, das Nest, die Mulde: Alles zufällige und
provisorische Strukturen,
die den Menschen vor feindlichen Kräften wie Wind, Regen,
Schnee, Sturm
schützen sollen. Verschiedenartig sind die Dinge und
Tätigkeiten, die Rettung
ausdrücken können. Es ist wahrscheinlich, dass
Habicher auf seinem kreativen
Weg noch andere findet. Man denke nur an die
Entwicklungsmöglichkeit der
"Umarmung". Ist nicht vielleicht sogar die Umarmung die klassische
Art, etwas aufzunehmen, in Sicherheit zu bringen, zu schützen?
Und weshalb soll
man nicht bis zum Äußersten das Thema "Umarmung"
versinnbildlichen?
Es ist kein Zufall, dass
Habicher schon seit geraumer Zeit provisorische
Unterschlupfmöglichkeiten
schafft, schwache Strukturen, die den Lebewesen das Überleben
ermöglichen - zum
Beispiel die Hütte als idealer Prototyp. In dem Zusammenhang
sei eine
anthropologische Reminiszenz erlaubt: Wo suchte der primitive Mensch
Unterschlupf, wenn nicht unter einem unsichern Gebilde - aus
Geäst, Stroh,
Schilf, Savannengras? Solch einfache Unterstände gaben ihm
eine zwar
vergängliche, aber doch wertvolle Gelassenheit. Es gab ihm
nicht unbedingt die
Sicherheit zu leben, als vielmehr die Hoffnung zu überleben.
Der primitive
Mensch wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hängt,
dass er widrigen
Kräften ausgesetzt ist, dass der Tag, an dem mors omnia solvit
nahe ist. Die
großen Anthropologen haben diesen Zustand genau beschrieben:
Indem sie ihn
vielleicht selber erlebten, haben sie vom primitiven Menschen auf den
Menschen
aller Zeiten geschlossen.
Auch der fortschrittliche,
von der Wissenschaft unterstützte Mensch hat immer noch das
Gefühl, an einem
"seidenen Faden zu hängen". Ein entsetzliches Gefühl,
wenn ihn das
Chaos unvorbereitet trifft. Eine extreme Unsicherheit vernichtet mit
einem
Schlag all die stabilen Dinge, die dieser Mensch sich aufgebaut hat.
Die Angst
vor Gefahr und Risiko wächst ins Unermessliche. In diesem
Moment wird für den
fortschrittlichen Menschen die zufällige Rettung wichtig, und
deren
künstlerische Umsetzung bekommt einen unwiderstehlichen Reiz.
Wie sieht es denn
heute mit der so gerühmten Fähigkeit "vorauszusehen"
aus? Soziologen
und Wirtschaftsexperten sagen, dass in der heutigen Gesellschaft die
Zukunft
"offen" sei: Wenige denken darüber nach, dass "offen"
grenzenlos,
riskant und unbestimmt bedeutet. Tatsächlich messen wir uns
unablässig mit dem
Unvorhergesehen. Über uns hängt ein Berg von
Ereignissen, die eintreffen, aber
auch nicht eintreffen können und die uns in eine qualvolle
Ratlosigkeit
versetzen: Eine sich ausbreitende Seuche, ein herabstürzender
Meteorit, der
jegliches Leben auf der Erde vernichtet, das abnorme Ansteigen der
Meere, die
Vergiftung unserer Luft, der Ausbruch von sinnloser Gewalt, und so
weiter und
so fort. Solche und ähnliche Ereignisse können nicht
vorausgesehen werden und
lösen Chaos aus. Sie stellen für uns den Rest des
Geheimnisses dar, das in der
Vergangenheit Ruhm und Halt der Religionen bedeutete.
Es ist
natürlich wahr,
dass die Wissenschaft für all die Ungewissheiten Abhilfe
bereithält. Nur kommt
sie leider fast immer zu spät, wenn das Unvorhergesehene schon
eingetroffen
ist. Die heutige Zeit wird warscheinlich als diejenige in die
Geschichte des
Menschen eingehen, die die riesige Gefahr eingeführt hat, der
wir uns so gut
wie möglich entgegensetzen. Im Geheimen kehren wir zu dem
carpe diem unserer
Vorfahren zurück, deren Weisheit es war, ganz im Zweifel um
das Morgen sich am
Heute zu erfreuen. Das Morgen ist für uns eine Hoffnung, aber
wie unsicher und
vergiftet ist sie doch.
Ich wage folgende Frage:
Wieso beeindruckt Habicher das gebildete Publikum? Und ich antworte:
Weil er in
ganz eingängiger Art die existenzielle Situation des heutigen
Menschen
darstellt, der inmitten von all dem Durcheinander erkennt, dass das
einzig
Ernsthafte das Leben ist, welches unablässig Depression und
Willen, Absturz und
Hoffnung vermischt. Dieser Mensch hat Grenzsituationen und Verluste
erlebt, hat
aber auch begriffen, dass man trotz solcher Erlebnisse leben kann. Wir
lernen,
ohne die Ewigkeit auszukommen. Wir sind aber beunruhigt über
den fieberhaften
Umstand des Morgen. Brüche, Krisen, Zerstörung sind
uns nicht fremd - Habicher
zeigt sie uns in seinen Skulpturen und Zeichnungen. Auch in den
schwierigsten
Situationen schenkt er uns einen Hoffnungsschimmer, immer auch mit ein
bißchen
Ironie und Frechheit vermischt: Eine Stahlklinge, die sich von der
Schlossmauer
gegen den Himmel erhebt - und darunter ist der Abgrund. Ist das nicht
eine
ironische und kühne Herausforderung?
Wenn man
über die Kunst
von Habicher nachdenkt, muß man sich mit dem heutigen
Menschen befassen, sowohl
mit seinen Ängsten als auch mit seiner Fähigkeit,
Probleme zu lösen. Das
Verwenden von Materialien wie Glas, Holz, Stein (eventuell ein Kiesel
aus einem
Bach), die von Stahl zusammengehalten werden, machen es dem
Künstler möglich,
gleichzeitig Beständigkeit wie Zebrechlichkeit, Absturz wie
Rettung, sowohl
Verzweiflung wie Reaktionsfähigkeit darzustellen. Für
den Betrachter verwandeln
sich diese Materialien in widersprüchliche Symbole, die alle
im menschlichen
Dasein gründen.
Padua, im Januar 2003
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