Die Zwischenräume Gendarmenmarkt 2011
Die kommende Ausstellung in der galerie son zeigt die Fortsetzung einer sehr persönlichen Kartographie der Großstadt, wie sie sich der koreanische Maler Junggeun OH vorgenommen hat. Die nunmehr vierte Folge seiner Serie Zwischenräume hat als Ausgangspunkt den Berliner Gendarmenmarkt. Der Künstler zeigt "Zwischenräume", womit vordergründig die Himmelsausschnitte oder Schatten der urbanen Architektur gemeint sein können, die er oft aus ungewöhnlicher Perspektive wahrgenommen als Ausgangspunkt seiner Malerei nimmt. Diese erlangen auf der Leinwand eigentümliche Flächigkeit und verwandeln sich in reizvolle abstrakte Formen. Das Räumliche wird durch die Technik Junggeun OHs verdrängt: Zahlreiche sehr glatte und sowohl matte wie auch glänzende Malschichten, die an manchen Stellen durch unzählige feine horizontale oder vertikale Striche in Öl oder durch Kartonkollage gebrochen werden, schaffen eine äußerst sinnliche Qualität der Oberfläche. Die Bilder sind oft zweifarbig und beschränken sich meistens auf an asiatischen Lack erinnernde Rottöne und/oder Schwarz. Junggeun OH erzeugt in einer Schwingung zwischen Realität und Abstraktion, Festem und Leichtem, Objekten und deren Platz im Raum sehr meditative und konzentrierte Werke, die eine ideelle, metaphysische, abstrakte Idee der Schönheit darstellen. Insofern sind die "Zwischenräume" auch philosophisch zu sehen.
Verena ALVES-RICHTER
|
Ästhetik des Leerens und des Füllens
von Suk Kyoon SHIN, 2010
Was bleibt wohl übrig, wenn man reduziert und nochmals reduziert.
Was entsteht, wenn man hinzufügt und nochmals hinzufügt.
OH's Kunstschaffen ist ein
fortwährender, langwieriger Prozess, der an den asketischen
Meditationsweg
eines Mönchs erinnert.
Als ich eines Tages nach seinem neuesten
Werk fragte, antwortete er beiläufig nach langem Schweigen: "Ich
habe noch einmal die Farbe des Untergrunds aufgetragen."
Welche Farbe werde ich benutzen?
Wie soll die Fläche des Zwischenraums angeordnet werden?
Soll ich sie öffnen oder schließen?
In der Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Fragen blieb ihm nichts anderes übrig
als noch einmal eine Farbschicht aufzutragen.
Ich denke, seine Arbeit ist die Ästhetik des Leerens und des Füllens.
Durch die Leere, die an den äußersten
ästhetischen Maßstab der Reduktion angelehnt
ist, findet er die essentielle Ästhetik und durch das
Füllen mit
mühevoller Sprache der Ästhetik erschafft er eine
neue Form.
Die Form aus Linien, Flächen und Farben offenbart OH's ästhetische Symbolik.
Diese Linien, Flächen und Farben auf der Leinwand zeigen
OH's Ästhetik und lassen diese auch je nach Veränderung der Flächen- und
Farbkomposition erklingen. Gerade in dem Augenblick, in dem man diesen Klang wahrnimmt, meint man
erst OH's ursprüngliche ästhetische Intention
erkennen zu können.
Diesmal hat er den Zwischenraum in Berlin, Köln
und Leipzig gefunden.
Die unzähligen Gebäude und ihre Zwischenräume
prallen in seiner ästhetischen
Auseinandersetzung aufeinander, brechen auseinander und schmelzen
letztendlich zu einer Form zusammen, die sich auf der Leinwand als eine Farbe und
eine Fläche zeigt.
Seine Werke entstehen durch das Aufeinanderwirken der Straßen,
seines eigenen Körpers und der Leinwand und spiegeln dadurch auch OH's
Persönlichkeit wider.
Wenn man aber seine Bilder, die doch einen komplizierten und leidvollen
Schaffensprozess hinter sich gelassen haben, betrachtet, empfindet man eher eine innere
Ruhe.
Dass man durch die Form, die sich aus der hektischen Stadt, den
unzähligen Menschen und den hochragenden Gebäuden gestaltet, die innere Ruhe finden
kann, ist darin begründet, dass er im Schaffensprozess letztlich die
essentielle Ästhetik findet, indem er das Schmutzige, Hässliche und
Überflüssige weglässt und nach
dem Ursprünglichen sucht.
Dadurch erst scheinen seine Bilder diesen inneren Frieden bei uns zu
ermöglichen.
Leeren und Füllen.
Ich denke, daher können auch wir vor der Leinwand durch den eigenen
Prozess des Leerens
und Füllens der wahren Intention seines
Werkes begegnen.
Übersetzung: Ok-Hee JEONG
|
Die Zwischenräume des Kurfürstendamms
von Suk Kyoon SHIN, 2008
Soll es wirklich der Kudamm
sein? Die Bilder lassen aber
keine Spuren erkennen.
Die prächtige
Straße mit ihren Gebäuden und die
Menschenmenge, die er wahrnahm, gingen still in Ölfarben
über und nahmen nach
gewissen Momenten Formen in Farben an. Danach verschwanden die
Silhouetten auf
der Leinwand wieder, um sich dann erneut immer wieder zu zeigen. Durch
diese
Wiederholung erscheint zuletzt eine schlichte Struktur und Farbe von
jener
Pracht.
Es ist wie eine Begegnung mit dem
Archetyp der Ästhetik,
sein Schaffen zu betrachten. Seine kunstsinnlichen Wahrnehmungen und
sein
Kunstschaffen erlebten im Werdegang dieser Bilder ununterbrochen die
Entstehung
und Auflösung mehrerer Formen und Farben. Auf diesem Wege ist
der uns vertraute
Kurfürstendamm schließlich als
Ursprünglichkeit der Schönheit
wiedergeboren.
Bis jetzt lag der Fokus
seiner ästhetischen Empfindungen
darin, die >Zwischenräume< zu zerlegen und neu zu
gestalten. Diesmal aber suchte er die schönen Elemente in der
modernen
Zivilisation. Sie sind durch seinen metaphysischen Kunstsinn und seine
ruhelosen Pinselstriche zu einem neuen Raum verwandelt. Hier sehe ich
wie immer
seine innige Ernsthaftigkeit zum Leben und zur Kunst. Das Nichtstun
beim
Zuschauen nur langsam trocknender Ölfarben soll ihm schwer
gefallen sein.
Sicherlich wollte er seinen Drang nach der vollkommenen
Ästhetik ununterbrochen
auf die Leinwand übertragen. Er musste aber erleben,
dass man dem
Unbeeinflussbaren machtlos ergeben ist.
Was man hier zu sehen bekommt,
ist die Schlichtheit der
Strukturen und Farben. Sie aber entsteht aus einem Komplex von Ideen,
Schweiß
und Geduld. Immer noch habe ich im Ohr, wie er sich schmerzlich mit den
Fragen
nach Balance, Kompromiss und Effizienz der künstlerischen
Darstellung
auseinandersetzte, über das Warten klagte und sich dann
langsam von allem Druck
löste. Seine Bilder enthalten daher mehr, als auf den ersten
Blick zu erkennen
ist.
Er sagt, man müsse die dazu passenden Formen und Farben
finden, wenn man Gedanken und Willen visuell zum Ausdruck bringen will.
Seine Bilder in der reduzierten Struktur und Farbe
erzählen aber Vielfältiges, so wie man es bei einer
Schatzsuche erleben
kann.
Was eigentlich haben die Menschen in uralter Zeit als
schön empfunden? Wie haben sie die Schönheit
ausgedrückt? Vielleicht mit ihrer
Stimme, mit Zeichen oder auch mit Farben? Beim Spaziergang auf
„seinem
Kurfürstendamm" würde man der ursprünglichen
Ästhetik begegnen.
Übersetzung: Hee Seok PARK
|
 |