Robert
Schätz greift das Thema <Porträt> in
ungewöhnlicher Weise auf.
Robert
Schätz studierte Ethnologie und Niederländische
Philologie an der FU Berlin,
später Malerei an der Königlichen
Akademie der Schönen
Künste in Gent bei Jean Bilquin und Karel Dierckx.
Seine beiden Lehrer beschäftigten sich mit der menschlichen
Figur: Jean Bilquin
zeigt in Gemälden und Skulpturen Menschen zwischen Extremen:
Erde und Himmel,
Leben und Tod, Innen und Außen, während Karel
Dierckx besonders beeindruckende
und expressive Porträts schuf.
Die
Affinität zu den Benelux-Ländern
führte den Künstler
dann später nach Brüssel, Luxemburg und Antwerpen. In
Luxemburg arbeitete er
mehrere Jahre als Bühnenbildner und Plastiker an aufwendigen
Filmproduktionen
mit, soll gar ein Team von zwanzig Mitarbeitern geleitet haben, bis
dann
Filmhintergründe zunehmend digital hergestellt und Maler nicht mehr
gebraucht wurden.
Er
hat auch Räume, Wände und Hintergründe
gestaltet, nicht nur als Bühnenbildner,
sondern auch als Ausstellungsmacher. Hier sind
besonders die Ausstellungen zur altägyptischen Kunst zu
erwähnen, bei denen er
mitgewirkt hat. Zum Beispiel „Spätantike und
Christentum am Nil“ oder „Das Gold
von Meroe“. Mit Wand- und Fußbodenmalereien
illustrierte und ergänzte er die
Präsentation der Exponate.
Jetzt lebt er in Borken, unweit der Grenze zu Holland und Belgien!
Die
Vielfältigkeit an Interessen und Tätigkeiten, die
vielen Facetten, die seine
Biographie offenbart, kommen in besonders reizvoller Weise in seiner
Malerei
zusammen und liefern lauter Indizien für mögliche
Anregungen, die ihn zu diesen
Porträts geführt haben.
Dem
Studium der Ethnologie dürfte
eine Rolle zukommen, dem Interesse am Menschen in seinen verschiedenen
Ausprägungen. Der
Beschäftigung mit Ethnologie liegt oft ein emotionaler und
sinnlicher Reiz
zugrunde, mit dem Ethnologen Probleme haben, da ein
derartig subjektiver Zugang als unwissenschaftlich gilt! Nicht so in
der Malerei!
So
greift der Künstler vielleicht auf Erinnerungen aus
der Zeit seines Ethnologie-Studiums zurück und zitiert die
typischen anthropologischen Fotoaufnahmen
aus
dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, auf denen
die Porträtierten gewissermaßen stumm, ausdrucks-
und teilnahmslos porträtiert
wurden. Wenn, dann sollte der Blick höchstens die
archaische Angst und vielleicht die Überraschung verraten,
fotografiert zu
werden. Die Beschränkung auf die Physiognomie,
die keine Gefühlregungen verrät, trug zum Eindruck
der Dargestellten als
ursprünglich, bäuerlich, fremd, archaisch bei und
sollte zudem suggerieren,
dass diesen Bildern jede Inszenierung fremd war, dass sie
die Realität
getreu abbildeten.
In
diesen ethnographischen Bestandsaufnahmen kam vieles zusammen: man
wollte die
Welt klassifizieren, wissenschaftlich erfassen oder eine Grundordnung
finden,
die sich auch auf die menschliche Physiognomie bezog, man
versuchte Typen zu finden. Gleichzeitig delektierte man
sich am Fremden,
am Exotischen und führte Wertungen ein, die sich auf
die Hautfarbe oder den Beruf bezogen. Bei solch
ethnologischer Fotografie
wurde meistens der Name des Dargestellten weggelassen. Die zunehmende
Urbanisierung
und der westliche Einfluss
auf die Kleidung, die es
damals schon gab, wurden ausgeblendet. Bis in die vierziger Jahre des
vorigen
Jahrhunderts, zum Teil bis heute, gab es bei den
Fotografen noch diese
Tendenz, aussterbende Gesichter, Trachten und Rituale festzuhalten
bei der Suche nach etwas Beständigem, nach einer
festen Ordnung, nach
einer Erklärung der Welt.
Noch ein Beispiel, diesmal aus der Malerei:
In
Spanien entstanden im 17. Jahrhundert Serien von Bildern, die pintura
de castas, die die verschiedenen Menschentypen zu erfassen
suchten, die in den
Kolonien lebten: Spanier, Afrikaner und Indios und deren Nachkommen, neue Typen, die durch
Vermischung der „Kasten“
entstanden. Schon damals wirkte dieser Versuch der Klassifizierung der
verschiedenen Arten von
Menschen etwas absurd
und abstrus.
Dies
alles hallt in den Bildern von Robert Schätz sicher nach,
der die Faszination und Darstellungsweise von fremden
Menschen gekannt
haben mag. Doch es ist nur eine von vielen Facetten seiner Malerei,
wenn er
hier in immer demselben Format Menschen verschiedener Provenienz, asiatische, afrikanische und
europäische von der Brust
aufwärts porträtiert, ohne ihren Namen zu
nennen und ohne ihnen Attribute, Objekte zur Seite zu stellen, sie
deshalb eher
als Modelle denn als Auftraggeber wiedergibt.
Auch ihr verhaltener Ausdruck ist wie ein Nachklang...
Wenn
man die Bilder aber dann eingehender betrachtet, stellen sie sich nicht
unbedingt als großer Zyklus mit Überblickscharakter
dar, vielmehr wirken sie
oft einzeln, in Paaren oder in Trios, wie Musikakkorde. Ihr schlankes
Hochformat ist gewissermaßen eine Einladung, sie in Paaren
oder Gruppen zu
hängen, vergleichbar den Seitenflügeln eines
Retabels, Holzpaneelen oder
Plakaten des Jugendstils.
In
der Komposition sind sie sind keinesfalls immer gleich. Schon von der
Technik
her gibt es Unterschiede, einige sind in Öl
ausgeführt, andere in Acryl. Damit gibt der Maler sehr schön die etwas
sommersprossige Haut eines rothaarigen Mädchens wieder, wohl
seine Tochter.
Einige der Porträtierten sind etwas zur Seite versetzt, bei
einigen ist das
Gesicht stark ausgeleuchtet, bei anderen verschattet, einige sind sehr
naturalistisch dargestellt, wiederum andere etwas
überzeichnet, beinahe
karikaturhaft, die Augen groß oder das Eigentümliche
an der Physiognomie stark betont.
Wir
stehen ihnen zunächst etwas ratlos gegenüber. Wir
wissen ja nicht, sind es
Freunde, Verwandte, Fremde, Auftraggeber, Modelle, Erfindungen? Kein
Titel oder
Name hilft uns weiter, auch die Kleidung ist meistens sehr neutral und
schlicht, oft sieht sie wie Freizeitkleidung aus. Da die
Büsten, die ja
unseren Blick zuerst in Beschlag nehmen, in den unteren
Bereich eines länglichen
Bildes fast eingezwängt
sind, schauen wir etwas hilfesuchend auf den oberen Bereich, der aus
Landschaft
besteht. Diese Landschaft ist oft
neutral verhalten
wie die Porträts, genauso ausschnitthaft, und reicht vom Wald
bis zur
Industrielandschaft. Es gibt die Baumstämme, die an solche in
Bildern von Klimt
erinnern, einen See, eine Tür, eine
Schneelandschaft. Automatisch
versuchen wir eine Verbindung zu finden:
Ein
afrikanische Junge wird vielleicht im äthiopischen Hochland
gezeigt, der andere
könnte ein Dinka aus dem Südsudan am Weißen
Nil sein. Die Landschaften sind
aber eigentlich austauschbar und zeichnen sich nicht durch Exotik oder
Fremdheit aus, ganz im Gegenteil. Die Ausleuchtung
des Gesichts und der Landschaft stimmen nicht überein, auch
eine
perspektivische Verbindung ist nicht gegeben, weil wir weder unseren
noch den
Standpunkt der Porträtierten bestimmen können! Der
Bruch ist evident! Gerade
bei englischen Malern wie Thomas Gainsborough wurden in
Porträts die Emotionen,
die Lebendigkeit der Dargestellten in die Landschaft hineinprojiziert,
die
Bäume mit ihren Ästen widerspiegelten und
betonten die körperliche Haltung der Dargestellten. Diese
Darstellungsweise war
Zeichen der Aufklärung und einer neuen Betonung des
Innenlebens war!
Hier
ist die Landschaft eine Hintergrundsfolie. Wenn keine Einheit von
Mensch und
Natur gezeigt wird, so versuchen wir trotzdem in der Landschaft so
etwas wie
ein Seelenbild des Dargestellten zu finden und kommen in die
Versuchung, eigene
Geschichten zu dichten, einen Film im Kopf abzuspielen, der diese
Elemente
vereint. Das
Porträt eines Mannes in
chinesischer Jacke könnte Prinz Calaf aus Turandot sein, der
bei Nacht seines
Schicksales harrt.
Letztendlich
kommen wir auf den äußeren Schein zurück,
auf die Schönheit und Spannung der
Gesichter und Landschaften.
Was
diese Bilder auch vereint, ist, dass sie mit zwei, drei Ausnahmen
Jugendliche
oder ganz junge Erwachsene zeigen. Sie sind in liebevoller Weise
porträtiert
und zeigen in ganz unterschiedlichen Prägungen Heranwachsende,
sei es offen,
freundlich, zutraulich, rein, unverstellt, aber auch in innerem
Aufruhr, der
nicht nach außen dringt.
Die
physiognomische Prägung zeigt bei einigen vielleicht auch eine
Ausbildung von
Charakter und Individualität. Zugleich scheinen diese sehr
frontalen Porträts
durch uns als Betrachter hindurch etwas ungewiss in die Zukunft zu blicken, vielleicht
deshalb der Titel
„Erwartungen“. Sie sind in Beschäftigung
mit sich selber und in einer eigenen
Welt gefangen und führen uns zu den Anfängen der
Porträtkunst in der
Renaissance, zu den Halbbildern in einem unbestimmten Raum, angedeutet
durch
eine Brüstung und die
Landschaft im
Hintergrund – Porträts,
die uns genauso
mysteriös, hermetisch und faszinierend vorkommen.
Einerseits
wird in den Bildern, u. a.
durch Zitate von Caspar
David Friedrich und David
Hope, der Kunst der Malerei
eine Hommage erbracht. Andererseits wird uns ein Gefühl der
Verlorenheit des
Menschen (besonders des Heranwachsenden) offenbart, der
die unberührte
Natur sucht und weder in ihr noch in der Großstadt seine
Heimat findet.
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