Enthüllen und Verbergen
Mit lasziver Grazie
räkelt sich die Frau auf dem Sofa. Ihre
leichte Garderobe gibt Anlass zu mancherlei Vermutungen. Sehen wir sie
einfach
nur müßig und gelangweilt an einem heißen
Sommerabend oder erwartet sie
jemanden – ihren Ehemann, ihren Liebhaber, ihren
nächsten Kunden? Man weiß es
nicht. Es würde jedenfalls kaum Mühe bereiten sich
vorzustellen, wie im
nächsten Moment Philip Marlowe, gespielt von Humphrey Bogart,
die Szene betritt, um der ebenso verführerischen wie
verdächtigen Schönen einige
unangenehme Fragen zu stellen.
Oder nehmen wir jene Frau, die, mit angewinkelten
Beinen auf einem Sessel sitzend, sich in aller Freizügigkeit
präsentiert, dabei
jedoch mit unverhohlener Arroganz ihren Blick abwendet und
lässig raucht.
Welche Szene hat sich hier kurz zuvor abgespielt? Was immer man sich
vorstellen
mag, diese Haltung düpiert, ja demütigt nicht nur
jeden, der mit ihr im Raum
ist, sondern ist auch für den Betrachter höchst
irritierend.
Solche starken, dominanten Frauen, die umgeben sind von einer
Aura teils sublim-verhüllter, teils offen-aggressiv
demonstrierter erotischer
Präsenz, sind typisch für den aus Koblenz stammenden
Fotokünstler Jörg Strunz.
Im wohltuenden Unterschied zu vielen anderen Aktfotografen pflegt er
einen Stil
des Einfachen, beinahe Puristischen. Mit oftmals einfachen Mitteln, mit
sicherem Gespür für die richtige Location und mit
ausgeprägtem
bildkompositorischen Instinkt gelingt ihm die Konzentration auf das
Wesentliche. Keine Geste wirkt übertrieben, keine Haltung
gestellt, keine Mimik
entgleitet ins Maskenhafte. Alles fügt sich punktgenau der
zentralen Bildidee.
Auf diese Weise entstehen authentische, atmosphärisch dichte,
kraftvolle Bilder zumeist schwarz-weißer Kolorierung, die ihr
Geheimnis nicht sofort preisgeben. Denn ebenso viel wie sie zeigen, verhüllen
sie. Dies macht ihren rätselhaften Reiz aus, und wo die Arbeit des
Künstlers getan ist, fängt die des Betrachters an.
Christoph Kupfer, Aachen
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