Die galerie son zeigt von Mai bis Juli 2011 einen der bedeutendsten
koreanischen Künstler der Gegenwart, SUH Yongsun, dessen
Solo-Ausstellung am 30. April um 19 Uhr aus Anlaß des Gallery
Weekend Berlin eröffnet wird.
Das Werk des 1951 in Seoul geborenen Suh war in unzähligen
Ausstellungen in Korea und Japan sowie auch in Frankreich und Amerika
zu sehen. Suh wurde 2009 vom koreanischen National Museum of
Contemporary Art zum Künstler des Jahres gewählt. Von
1986 bis 2008 war er Dozent am Fachbereich für Bildende Kunst
der Seoul National University, an der er studiert hatte.
Auslandsaufenthalte führten ihn 1995 nach Vermont in den USA
und nach Melbourne, Australien. Eine besondere Beziehung besteht zu
Deutschland: Er verbrachte 2001 im Rahmen einer Gastprofessur
längere Zeit in Hamburg. Seine Reisen führten ihn
auch nach New York und Berlin, Städte, die seine Malerei
prägten.
Eines seiner Lieblingsthemen ist der Großstadtmensch in der
Tradition des deutschen Expressionismus. Die latent bedrohliche
Atmosphäre, das scheinbar Naive,
„Primitive“ und Ursprüngliche seiner
Malerei werden von ihm benutzt, um vereinsamte Menschen zu zeigen, die
in der Großstadt herumirren und sinnlos gefangen sind. So
malt der Künstler mit besonderer Vorliebe U-Bahn-Szenen, in
denen sich zerbrechliche Menschen, die Underdogs der Gesellschaft, in
die Stahladern einer Stadt begeben, um schnell von Ort zu Ort
transportiert zu werden. Zugleich scheinen sie permanent auf ein
anderes Leben zu warten.
Die Gesichter wirken anonym und emotionslos wie die der Demoiselles
d’Avignon von Picasso oder die der Gemälde Kirchners
und Schmidt-Rottlufs. Die maskenähnlichen Gesichter der
Porträtierten weisen zwar meistens keine individuellen
Züge und keine konkrete Ähnlichkeit auf, gerade
dadurch erlauben aber dann die Gemälde einen tieferen Einblick
in ihre Emotionen zu, mit einer Wucht, die der von Francis Bacon
vergleichbar ist.
Die harte Stadtwelt aus U-Bahn-Schächten, Bus-Haltestellen und
kleinen Lokalen, in denen Hinweisschilder als einziges Element eine
Zuordnung zu Orten des Geschehens wie New York und Berlin
ermöglichen, sind in roher und expressiver Manier gemalt,
ähnlich der rauhen Oberfläche seiner Holzskulpturen.
Der Mensch als Opfer der Gier nach Macht, der Gewalt, des Strudels von
Politik und Zeitgeschehen wird auch in einer Reihe von
Gemälden thematisiert, die die politischen Intrigen um den
König Danjon aus der Joseon Dynastie aufgreifen und damit
politische Hinweise auf die Gegenwart liefern. Der
zwölfjährige König wurde von einem Rivalen
abgesetzt und ermordet, und viele Legenden ranken sich um diese
tragische Figur der koreanischen Geschichte.
Die galerie son wird auch Bilder zu Berlin zeigen, einer Stadt, die den
Künstler stark berührt hat, da die Stadtgeschichte in
ihrer Teilung in Ost und West ihm stärker als in Seoul selbst
die Teilung Koreas wieder ins Bewußtsein brachte.
In seinen Selbstporträts leuchten oft Suhs Augen und auch er
selber rot, dort verrät er sich als ein leidenschaftlicher
Beobachter seiner Mitmenschen, der an die Macht der Malerei glaubt, den
Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen und diese in Bildern
anzuzeigen, die in Sujet, Technik und Format höchste visuelle
Prägnanz erreichen.
Verena ALVES-RICHTER
|