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| Dialog zwischen Antony GORMLEY und Björn BORGMANN |

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es sprechen Prof. Dr. Matthias Gatzemeier, Verena Alves-Richter, Björn Borgmann, Erika Hoffmann, Mihyun Son es spielt Clemens Koch |
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Eine Kunstinterpretation der anderen Art
Ein Gemälde von Björn BORGMANN begegnet für ein paar Stunden zwei Skulpturen Antony GORMLEYs in der Eingangshalle der Sammlung Hoffmann. Mit dieser Konfrontation versuchen wir, einen Dialog zwischen den Werken der beiden Künstler anzuregen, zu dem sich weitere dazu eingeladene Gesprächspartner äußern wollen. Unsere Besucher ermutigen wir, sich aktiv an diesem Gedankenaustausch zu beteiligen. ----------------------------------------------------------------------------- |
| Matthias Gatzemeier, Aachen
Zum Dialog
zwischen Kunst und Philosophie Versuch einer Positionsbestimmung
(Berlin, 13. September 2009; Sammlung Hoffmann; im Auftrag der galerie son)
Ich will mir nicht
anmaßen, „als Philosoph“,
sozusagen „ex officio‘“ oder gar
„ex cathedra“ allgemein
Vielmehr möchte ich Ihnen hier und heute Morgen und in diesem Rahmen ein unprätentiöses, ein einfaches, aber gleichwohl „philosophisches“ Gesprächsangebot machen, und zwar ganz im Sinne der Leitidee des Dialogs, die mir hier – ich denke da vor allem an die Konzeption der Galerie Son – vorzuherrschen scheint. Einen derartigen Dialog kann man als Gespräch innerhalb eines bestimmten Teilgebietes der Kunst führen, als über die Grenzen der Teilgebiete hinausreichend, oder über die bildende Kunst im engeren Sinne hinausführend in den Bereiche der „Buchstabenkünste“ – oder gänzlich diese Grenzen verlassend: als Dialog zwischen Kunst und Philosophie. Wenn Sie mir jetzt entgegenhalten, dass es diesen Dialog ja schon seit Jahrhunderten gibt, dann muss ich Ihnen einerseits Recht geben; auf der anderen Seite möchte ich aber den Finger darauf legen, dass es sich hier nur um einen vermeintlichen Dialog handelt, denn in der Regel herrscht hier ein Monolog – und zwar unter „Federführung“ der Philosophie. Ich will versuchen, diesen Fehler zu vermeiden. Aus der breiten, unüberschaubaren Palette von Themen zur Problematik des Dialogs zwischen Kunst und Philosophie möchte ich die folgenden drei Fragen für diesen unseren Gesprächskontext ansprechen:
1. Was macht der Künstler eigentlich?
So einfach, so
„simpel“ diese Fragen auch
klingen mögen – einfach zu beantworten sind sie
gewiss nicht.2. Was macht der Rezipient eigentlich? 3. Was kann das Ganze im Kontext weiterer geistiger Bemühungen bedeuten? 1.) Was macht der Künstler eigentlich? Diese allgemeine (zu allgemein gestellte) Frage zielt natürlich nicht darauf ab, was denn ein bestimmter Künstler in einer bestimmten Situation jeweils ganz konkret produziert. Sie geht auf die Grundlagen seines Tuns. Dazu folgende Thesen:
a) Der Künstler stellt etwas her;
das ist die charakterische Art seines Tuns (wie schon Aristoteles es wegweisend formuliert hat).
Dies möge einstweilen
hierzu genügen. – Die
Frage der künstlerischen Qualität bleibt
bisher völlig ausgeklammert.
b) Dieses Herstellen ist adressatenorientiert; er stellt nicht einfach nur so, „an und für sich“, etwas her; er stellt insbesondere nicht Gebrauchsgegenstände her, sondern Verstehensobjekte. c) Diese Verstehensobjekte sind charakterisiert
einerseits durch ihren Sinn/ihren
Inhalt andererseits durch die Art und Weise der Herstellung; durch ihre Machart, ihre Form (usw.). 2.) Was macht der Rezipient eigentlich? Auch hier muss ich genauer angeben, was ich meine. Ich frage also: Was macht er mit einem solchermaßen charakterisierten Verstehensangebot? Natürlich kann jeder mit einem Kunstwerk „alles Mögliche“ anstellen – frei nach der bekannten Scherzfrage: „Was ist der Unterschied zwischen einem Klavier und einer Geige? Das Klavier brennt länger.“ Aber wer in analoger Weise mit einem Kunstwerk umgeht, widmet sich ihm unangemessen, d.h. er behandelt es nicht als Verstehensangebot. Wer Kunstwerke angemessen verstehen will, bemüht sich darum, die Frage zu beantworten: „Was für ein Ding das vorhandene sei.“ (Das ist die zentrale Frage in Bernard Bolzanos Schrift „Über den Begriff des Schönen“) Diese Frage hat zwei wichtige Aspekte:
einerseits richtet sie sich ganz unmittelbar
und konkret auf
das Kunstobjekt: Was ist das? Ein Pferd, ein Mensch, ein
Hotel ...?
Andererseits auf die spezifische Art, wie es ihm präsentiert wird: z.B. die „blauen Pferde“, einen leidenden Menschern oder die Hotelzeichnung eines Architekten. Der beliebten und verbreiteten These, dass hierbei alles „aus dem Bauch heraus“, aus dem reinen Gefühl, und beides heißt ja: ohne jeden Anteil von Vernunft und Verstand geschieht, möchte ich dezidiert widersprechen. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass es sich bei der Rezeption von Kunst um einen zwar komplexen und komplizierten, aber durchaus rational nachvollziehbaren und beschreibbaren Prozess der Verstandestätigkeit handelt. Natürlich spielen hier Assoziationen eine große Rolle, aber sie sind nicht zufällig und nicht beliebig; es handelt sich vielmehr um gelenkte Assoziationen. Im Einzelnen lässt sich der Rezeptionsprozess folgendermaßen beschreiben (ich bediene mich hier erneut der Analysen Bolzanos):
1.) Man sieht
etwas
Konkretes;
dabei müssen wir uns dessen bewusst sein, dass man nie etwas
nur einfach so sieht! Man sieht immer
etwas als
etwas (diese
Einsicht können wir aus Aristoteles gewinnen); z.B. etwas
Blaues oder Braunes als
Pferdefuß.
2.) Sofort geht man, ohne sich dessen explizit bewusst zu sein, zu der Vorstellung über: Was hier dargestellt wird, ist ein Pferd. 3.) Mit dieser ersten Erkenntnis wendet man sich wieder dem Bild zu und stellt fest: In der Tat! Der Rest, den man da sieht, passt zu der Vorstellung „Pferd“. – Oder aber: Der Rest passt nicht; es handelt sich vielmehr um den „Ritter mit dem Pferdefuß“ (Goethe)! Diese einfachen „Erkenntnisschritte“ wiederholt der Rezipient mehrmals an dem Bild: Einzelheiten sehen – sie einer allgemeinen Vorstellung zuordnen – die anderen Gegebenheiten („Merkmale“) des Bildes daraufhin überprüfen, ob sie zu dieser Vorstellung passen. Diese Methode der abwechselnden Vermutung und Überprüfung nenne ich (im Anschluss an Charles Sanders Peirce) Abduktion (im Unterschied zur Deduktion und Induktion). Die Rezeptions-Abduktionen beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte des Kunst-Werkes:
auf den Sinn und Inhalt
Wenn man in allen
(möglichen) Bereichen die
einzelnen Schritte der Abduktion transparent und deutlich macht, hat
man zugleich eine Basis
für den rationalen
Diskurs über Kunst geschaffen; es steht somit
nicht mehr „Bauch gegen
Bauch!“auf die Art der Darstellung auf die jeweilige ikonographische Tradition (u.v.m.). Auch dies wird deutlich:
I. Kunst-Rezeption und -Rezension
arbeiten
zwar rational, aber nicht mit den Methoden und der Sicherheit eines
wissenschaftlichen
Beweises; ihre
Domäne ist die Plausibilität der Abduktionsschritte.
II. Der so geartete Diskurs über Kunst kommt nie an ein Ende; anders formuliert: Es gibt keine Möglichkeit, diesen Diskurs irgendwann als abgeschlossen zu deklarieren. Hier haben wir die bekannte Unabschließbarkeit der Interpretation. III. Da sich der Dialog über Kunst nie im Rahmen wissenschaftlich exakter Abgrenzungen bewegen kann, sondern immer mit Unschärfen operieren muss, möchte ich hier von einer Ästhetik der offenen Ränder sprechen. 3.) Was kann das Ganze im Kontext weiterer geistiger Bemühungen bedeuten? Ich habe versucht, eine dialogische Theorie des ästhetischen Erkennens (und damit zugleich der ästhetischen Kritik) vorzustellen, die ihren eigenen Status und ihre eigene Charakteristik und das heißt auch: ihre Autonomie im Konzert anderer menschlicher Erkenntnisvermögen behaupten kann. Damit meine ich Folgendes: 1. Die theoretische Erkenntnis richtet sich auf das, was ist (formuliert also Ist-Aussagen) und operiert mit den Beurteilungskategorien wahr und falsch. 2. Die praktische Erkenntnis richtet sich auf das, was sein soll (formuliert also Sollensaussagen) und bedient sich der Beurteilungskategorien geboten, verboten und erlaubt. 3. Die ästhetische Erkenntnis (die angemessene Rezeption von Kunstwerken) richtet sich auf
in bestimmter Weise und zu bestimmten
Zwecken hergestellte
Gegenstände
und versucht in einem komplexen Verfahren (der Abduktion) zu klären, was das vorhandene ist; ihre Beurteilungskriterien sind nicht „wahr/falsch“ oder „geboten/verboten“, sondern: gelungen/weniger gelungen. Die Beurteilung geht hier also nicht nach dem „Ja-Nein-Schema“ vor, sondern impliziert immer ein „mehr oder weniger“. Schlussbemerkung: Die künstlerische Qualität eines Kunstobjektes (z.B.: „Schönheit“) ist nicht eine Eigenschaft des Werkes, sondern das Ergebnis einer intellektuellen Interaktion (nämlich des Abduktionsprozesses) zwischen Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt. Man könnte auch sagen: eines Dialogs zwischen Subjekt und Objekt. Damit wäre ich nun wieder an den Anfang meiner Überlegungen zurückgekehrt. |
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