Ausstellung 26. März - 21 Juni 2014
in der galerie son, Berlin





Ab Mittwoch, dem 26. März, sind in der galerie son sowohl zwei Künstler aus Nordkorea - SIM Kwang Chol und PAK Hyon Chol - als auch drei Künstler aus Südkorea - Kwang LEE, Junggeun OH und KWUN Sun Cheol - zu sehen. So kommen in dieser ungewöhnlichen Schau Künstler aus den zwei Hälften eines seit Ende des zweiten Weltkrieges geteilten Landes mit zwar gemeinsamer Vergangenheit und Traditionen, jedoch mit vollkommen anderen Werdegängen, Arbeitsbedingungen und künstlerischen Vorbildern zusammen.

KWUN Sun Cheol, der älteste der ausgestellten Künstler, ist einer der bedeutendsten koreanischen Maler der Gegenwart. Im Jahr 1944 in Chang-Won, Südkorea, geboren, arbeitet und lebt er seit 1989 in Paris. Besonders berühmt sind seine großformatigen Gesichter. Immer scheinen die Folgen der Teilung seines Landes und des Koreakrieges immanent in seinem Werk als eine stete Qual mitzuschwingen, er zeigt die Spuren der Geschichte auf Gesichtern und Körpern der Menschen. Zugleich haben seine Bilder etwas Transzendentes. Dies wird durch seine Technik akzentuiert, ein pastoser Ölauftrag in expressivem Duktus, in dem strahlende Töne von Gelb, Blau und Rot überlagert werden, bis eine Palette von Grautönen entsteht, in denen diese nur noch gelegentlich aufblitzen. In seinem Bild „Seele (Körper)“ spannt diese als dämonenhaftes Skelett einen Bogen über den grauen Hintergrund. Sie ist sowohl erschreckend als auch faszinierend in ihrer Ambiguität zwischen am Boden liegender verwester Leiche und sich in die Lüfte schwingendem Todesgeist.

Die zwei nordkoreanischen Künstler SIM Kwang Chol und PAK Hyon Chol konnten einige Wochen auf Einladung der galerie son in Berlin verbringen, sich hier Anregungen holen und neuartige Werke schaffen. So gibt der jüngere, SIM Kwang Chol, Jahrgang 1979, in „Night in Berlin“ das Reiterstandbild Friedrich des Großen von Christian Daniel Rauch von 1851 auf der Straße Unter den Linden in rückwärtiger Ansicht in einem typischen bläulichen Berliner Abendlicht wieder. Geschickt vereinigt er in der gewählten Ansicht emblematische Werke dreier Epochen: dem klassizistischen Denkmal stellt er den Berliner Fernsehturm entgegen, dazwischen ist die Kuppel des wilhelminischen Doms zu sehen. Die Nachtszene ist merkwürdig menschenleer, mutet surreal und nostalgisch an. Eine ähnliche Stadtszenerie hat sein südkoreanischer Kollege Junggeun OH gewählt. Er weckt in seinen Bildern das Bewusstsein für die Linien, die durch die Umrisse der Architektur entstehen, und verwandelt sie in ästhetische Formen. Auch er hebelt mit anderen künstlerischen Mitteln die Wirkung der Machtsymbole und Wahrzeichen von Städten und die repräsentative und bestimmende Wirkung von Architektur aus, um sie in abstrakte ästhetische Gebilde zu verwandeln.

Ein weiteres Werk von SIM, eine in Licht getauchte Seelandschaft, zeigt, wie er mit lockerem Pinselstrich atmosphärische Dichte erzeugen kann und Züge sowohl der asiatischen Tuschemalerei wie auch der impressionistischen Malerei vereinen kann. Seine Virtuosität erstreckt sich auch auf die Darstellung von Menschen, wie ein Porträt der Malerin Sabine Moritz, die Frau Gerhard Richters, beim Herabsteigen einer Treppe beweist. Das Bild ist einem Akt von Gerhard Richter nachempfunden, „Ema“, das wiederum eine Reaktion auf Marcel Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ ist. Während Duchamps Werk seine Abkehr von der Malerei einleitete, wurde Richters Bild als ein Manifest der Rückkehr zur figurativen Malerei gesehen. In SIMs Bild blickt die Porträtierte den Betrachter lächelnd und selbstbewusst an und trägt über dem Arm eine Jacke, die an ein weiteres Richter-Bild, „Betty“ von 1991, erinnert. Sie ist allerdings im Gegensatz zu „Ema“ kein Akt mehr, sie ist entmystifiziert und sehr präsent und es ist eher der Hintergrund, der sich in einen grauen Nebel auflöst. Auch die Berliner Rockband Rammstein wurde porträtiert.

Der Maler PAK Hyon Chol zeigt in seiner herbstlichen Bachlandschaft, wie die asiatischen Vorstellungen von Landschaftsmalerei in einen neuen zeitgenössischen Kontext der sozialistischen Malerei seines Landes übertragen wurden. Die Idee einer idealen „Seelenlandschaft“ wird in das Medium Öl übertragen und überdimensional, sehr farbig und realistisch ausgeführt. Doch die Spannung zwischen scheinbarer Realität und innerem Bild besteht weiterhin. Landschaften sind auch das bevorzugte Thema der südkoreanischen Malerin Kwang LEE, die an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildet wurde: Sie zeigt Berliner oder Davoser Seelandschaften an der Grenze zwischen Tag und Nacht. Die Dämmerung bringt ein Feuerwerk an ungewöhnlichen Farben zum Vorschein, das die Malerin einfängt und das deren Bilder in einen Bereich des Traumes entrücken lässt.

So kommen sich die Künstler trotz verschiedener Wege doch in vielen Aspekten ganz nahe: was die Landschaftsmalerei betrifft, in ihrem sensiblen Umgang mit Licht und Farbe und in ihrem Lavieren zwischen Realität und idealer Vorstellung und die Architektur betreffend, in der Brechung ihrer intendierten Wirkung und Schwere. Sowohl einige Sujets als auch manch expressiver Pinselstrich lassen den Geist der Geschichte durch diese Bilder schweben und geben ihnen den koreanischen Touch. Es werden von den ausgestellten Künstlern in verschiedener Weise Grenzen ausgelotet.

Verena ALVES-RICHTER





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